| Köder mit Erdbeergeschmack |
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PAAREN IM GLIEN Marie war 25 Jahre lang ein Star unter ihresgleichen
und sicher das meist fotografierte Exemplar der Art. Ihr dürfte das
egal gewesen sein, nicht aber denen, die sich dem Karpfenangeln
verschrieben haben.
Im Wesentlichen besteht der Sport darin, mindestens 24 Stunden am Ufer auszuharren, gern auch mal wochenlang, und zu warten, bis einer angebissen hat. Dann wird es für die Karpfenfreunde richtig spannend. Vorsichtig, fast liebevoll wird der Friedfisch an Land gezogen, gewogen und gemessen. Der größte Augenblick ist das Foto von Fisch und Fischer. Je größer der Fisch, desto besser. Nach einem Küsschen aufs feuchte Schuppenkleid darf das Tier wieder ins Wasser und bis zum nächsten Klick vor sich hin dümpeln.
Viele Jahre lang erging es auch Karpfendame Marie aus England so, bevor sie im Alter von 30 und 20 Kilo Gewicht starb. Ein echter Trauerfall in der Fangemeinde. "Catch and release" – fangen und freilassen – nennt sich diese Angelvariante, die ihren Ursprung in England hat. Fachsprache ist deshalb Englisch. Am Sonnabend strömten mehr als 1700 Besucher zum vierten Karpfenangler-Meeting im Märkischen Ausstellungs- und Freizeitzentrum in Paaren im Glien. Auf 3000 Quadratmetern gab es alles, was das Karpfenanglerherz begehrt. "Wir Karpfenangler sind Naturliebhaber, wir gehen sorgsam mit Ufer und den Gewässern um, denn wir wollen unsere Fische ja auch morgen noch angeln", erzählte Marcus Sippel, Veranstalter der größten Messe in diesem Bereich in Deutschland. So geballt komme man normalerweise nicht zusammen. Karpfenangler seien eher Einzelgänger. Unter den rund zwei Millionen Anglern in Deutschland hätten sich etwa 20 000 dem Karpfenangeln verschrieben. Die "Karpfenszene", wie sie sich selbst bezeichnet, kommuniziert hauptsächlich über das Internet. Dort werden die Fotos von den besten Fängen in Foren diskutiert und mehrstündige DVDs vom letzten Angelabenteuer angeboten. In der Halle fand sich kein einziger Karpfen, dafür massenhaft Fotos von strahlenden Anglern mit unglaublich riesigen Karpfen im Arm. Der Weltrekord kommt übrigens aus Deutschland: 38,15 Kilogramm brachte ein in Rheinland-Pfalz geangelter Karpfen auf die Waage. "Die normalen Fische wiegen gerade mal um die fünf Kilo" klärte Marcus Sippel auf. Auf die Idee, Karpfen zu essen, würden die Karpfenfreunde nicht kommen. "Wenn ich mal eine Forelle fange, dann esse ich sie schon, aber einen Karpfen, niemals", erzählte Arne Seiberlich, erster Vorsitzender des Deutschen-Karpfen-Angel-Clubs. Wer Karpfenangler werden möchte braucht eine Menge Fachwissen und Material. Ab 2000 Euro ist eine Grundausrüstung mit Ruten, Kescher und Zubehör zu haben, klärte Arne Seiberlich auf. Kommen Schlauchboot, Zelt und ein Carp GPS (Karpfenfinder via Satellit) dazu, ist man schnell bei der zehnfachen Summe. Beim Gang entlang der Stände der mehr als 30 Aussteller war schnell klar, das Wichtigste beim Karpfenangeln sind Futter und Köder, in der Fachsprache auch Bait und Bollies genannt. Über die Frage, ob es ein schöner Regenwurm nicht auch tun würde, wurde milde gelächelt. Appetitlich präsentiert gab es rosafarbene Bollies mit Erdbeergeschmack, gelb mit Banane und braun mit der Geschmacksrichtung Knoblauch-Fisch. Auch naturbelassene Köder waren im Angebot. Auch Rezepte zur Herstellung waren zu finden. Umstritten ist bei den Fachleuten die Frage, wie lange die Fische vor dem Angeln angefüttert werden sollten. Die Meinung reicht von ein bis zwei Tagen bis zu mehreren Wochen. Das Hobby ist jedenfalls kostspielig. Ein Karpfen frisst pro Tag so viel Futter, wie er auf die Waage bringt. Rund 10 000 Euro braucht ein leidenschaftlicher Angler, der pro Jahr rund 1000 Stunden am Ufer auf den Karpfen wartet", rechnete Arne Seiberlich vor. |